Daniel Sippel

Die Aufgaben des DIT (HD-Kamera-Supervisor/Vision Control)

(aka HD-Cinematography Consultant/Electronic Cinematography Assistant, Technical Operator, VE)

(4. draft ©2005 Daniel Sippel, Berlin dasiki@dasiki.de) ursprgl. für bvk

Durch das Aufkommen von High-Definition (in Europa noch immer vorwiegend als reines Akquisitionsformat), hat eine weitere Digitalisierung in der Film-Produktionslandschaft stattgefunden. Für User, die zuvor schon auf Standard-Definition (z.B. Digital-Betacam) gearbeitet hatten, war es eine grundlegende technische und kreative Erweiterung ihrer Möglichkeiten, unabhängig davon, ob sie szenisch oder dokumentarisch arbeiteten.
Für andere DP´s "vom Film", hat es nach dem Einsatz eines DI (Digital Intermediate) innerhalb traditioneller 35mm-Produktionen, in den meisten Fällen einen ersten Kontakt mit Video, HD, DI-Grading/Farbkorrektur und Digital Cinema gegeben.

High Definition erfährt zwischenzeitlich eine große Akzeptanz auf verschiedenen Ebenen des Produktionsalltags. Hinzu kommen in breiter Anwendung nun auch Datenkameras wie die Red und die SI2K, die ganz andere Anforderungen stellen.

Ausser technischer (teilweise berechtigter) Vorbehalte, gab es Berührungsängste im Umgang mit dieser neuen Technologie. Dies und -um nur wenige Beispiele zu nennen- die immer komplexeren Menüsysteme, neue kreative Möglichkeiten, die schnelle technische Entwicklung der Kameras und der Post, der Umgang am Set mit Daten, machten eine Beratung, kurz, eine Hilfe notwendig, die im Kontext der technischen und kreativen Entscheidungen einer Produktion, speziell dem DP, zur Seite gestellt wird.

Hier entwickelte sich in Deutschland eine Tätigkeit, die zu Beginn ohne ordentliche Berufsbezeichnung bestand und viele verschiedene Namen, Arbeitsinhalte und Qualifikationen der Einzelnen mit sich brachte (DIT, Technical Operator, HD-Engineer, Electronic Cinematography Assistant, Kamera-Supervisor -DCS-, Digital Film Technician).
Unter internationalem Einfluss entwickelte sich der dehnbare, ungeschützte und techniklastige Begriff DIT, Digital Image Technician.

Im folgenden soll diese Schnittstellen-Tätigkeit in Bezug auf digitale Produktionen beschrieben werden.

Hier kann man diverse Unterscheidungen treffen. Wichtig festzuhalten ist, dass die Tätigkeit des DIT wenig mit der Bezeichnung „Bild-Ingenieur“ zu tun hat, auch wenn es ein paar Überschneidungen gibt. So sind die Einsatzbereiche und die Art der Tätigkeit sehr unterschiedlich =>Umgang mit HD & Daten, Entscheidungen und Beratungen über das Technische hinaus, Arbeiten und Denken in mehr als einem Schritt der Produktion).

HD als Akquisitionsformat bedeutet eben auch, dass gedrehtes Material nicht, wie z.B. in der Elektronischen Berichterstattung, sofort gesendet wird. Daher geben gewisse Parameter einen kreativen Freiraum oder bekommen eine andere Gewichtung, die bei der herkömmlichen TV-Produktion unbekannt oder wenigstens nicht relevant sind.
Ausserdem werden im folgenden auch Aufgaben beschrieben, die zuvor vom 1. Assistenten oder Material-Assistenten (und sogar Video-Operator) erfüllt wurden. Hier sollte für jede Produktion eine Einteilung, im Sinne von Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Kompetenz stattfinden.

Beim Dokumentarfilm z.B. findet häufig eine Verschmelzung der Aufgaben statt. Der Assistent und DIT (wenn überhaupt in diesem Format durchgehend nötig) wird zumindest während des Drehs in Personalunion geführt. Wird getrennt, findet wenigstens eine Vorbereitung und ein Training an der Kamera mit dem Assistenten statt.

Tätigkeits- und Verantwortungsbereich:

Die einzelnen Stadien der Film-Produktion:

Nachdem der DIT technisch und auch inhaltlich über das durchzuführende Projekt informiert ist, stehen die ersten Gespräche mit dem DP (u.U. weiteren Departments) an. Hierbei ist wichtig:

• Bei Produktionen, die „erste Schritte“ mit digitalen Produktionen machen, können Fragen diskutiert werden, die Unterschiede zur klassischen Filmproduktion betreffen. (Look, Kosten, Limitationen, Vorteile, Schnittstellen und Abläufe in der Post, Planung der Tests,...). Nichts sollte hier aufgeschoben werden, da schon manche dieser Unterschiede Kameramännern oder auch Produktionsleitern ungewollte Überraschungen bereitet haben. Der DIT ist somit auch Dolmetscher zwischen Film- und Digitalsprache.

• wenn möglich, bietet sich ein moderiertes Screening eines Films an, der unter vergleichbaren oder mindestens bekannten Bedingungen produziert wurde.

• Vergleich der möglichen Kamera/Produktionssysteme bzw. Festlegung oder Diskussion bezüglich Kamera & Format (=>Test. Definition des visuellen Konzepts)

• Beratung bei Auswahl der Optiken und deren Implikationen für den Dreh bzw. die Post. (u.U. folgen eigenständige Tests)

• Möglichkeiten der Post-Produktion, Kontakt mit Colorist (Grading, Ausbelichtung etc.)

• erste detaillierte Planungen aufgrund folgender Überlegungen:
Was wird wie und wo gedreht? (welche Kamera, sind Umbauten von Technik nötig usw.)

• Wie soll das Bild am Set begutachtet werden?

• Was passiert am Set, was in der Post?
(Menu-Setup, Datenmanagement usw.)
Wie und wo werden Daten gesichert (backup)?
=> Erstellung eines Workflows

• geplante Auswertung des Projekts? (Film-out, Digital Projection, TV, DVD,...)

• Kommunikation mit anderen Departments

Drehvorbereitungen:

Zu diesem Zeitpunkt ist in den meisten Fällen der 1. Assistent in die Produktion eingebunden.
Mit ihm zusammen finden nach der Bestellung der Technik wie gewohnt alle Tests statt.
Zusammenbau, Überprüfen der Funktionsfähigkeit, Zusammenspiel der einzelnen Technikbausteine, so wohl innerhalb als auch zwischen der Technik des Assistenten und der des DIT.
Während der entsprechenden Schritte findet eine enge Kommunikation mit dem DP statt. Ergebnisse aus den Tests, können Auswirkungen auf Drehabläufe haben.

Wie man in der Berufsbeschreibung des DP (bvk/J.Vacano) lesen kann:
"Im Rahmen eines Kamerateams bestimmt und überwacht der Chefkameramann die technischen und gestalterischen Parameter der Aufnahmen, insbesondere Beleuchtung, Bildkomposition und Kameraführung."
Den DP dabei zu unterstützen, die Technik als Hilfsmittel und nicht als Hinderung zu empfinden ist in allen Stadien der Produktion wichtig.

Ausserdem sollte der Kamera-Supervisor in der Vorbereitung Ansprechpartner mindestens für folgende Departments sein:

• Tonmeister (Tonaufzeichnung, TC-Sync, Timecode Free/Rec-Run...)

• Data-Wrangler

• Video Operator (welches Format für Aufzeichnung und Playback? Watchman usw.)

• Post-Produktion (s. oben und unten folgend)

Während des Drehs:

Je nach Art der Produktion, kommt es darauf an, ob ein DIT durchgehend am Set ist oder nicht.
Wenn er ständig am Set anwesend ist, ist er Ansprechpartner für den DP. Dem folgt: Die Ausschöpfung aller kreativer Möglichkeiten durch die technischen Mittel. Die Belichtung z.B. findet je nach Erfahrung des DIT und dem Vertrauen zwischen dem DIT und dem DP selbständig oder in Absprache statt. Ausserdem sind zu beachten: Kamerafunktionen, Aufnahme -digitaler Fusselcheck-, Schärfenkontrolle, Monitoring und Vorbereitungen für die Post, Datensicherung. Hier kann es z.T. Überschneidungen mit den Tätigkeiten des 1.Assistenten geben. Diese sind im Einzelfall (je nach "Video-Erfahrung" des Assistenten) abzustimmen.

Nach dem Dreh (Post-Produktion):

• Übergabe des Materials an die Postproduktion

• Überwachung/Betreuung möglicher Signalwandlungen, Datensicherung,...

• u.U. Überprüfen der Muster

• Spätere Anwesenheit in Post (Grading) auf Wunsch des DP

Generelle Voraussetzungen für den DIT:

• Kenntnisse der gängigen Kamerasysteme und deren Möglichkeiten

• (Handling-) Kenntnisse über Post-Produktions-Tools und deren Aufgaben und Möglichkeiten.
Hierzu gehören auch Auswirkungen der Kamera-Einstellungen z.B. auf das Grading oder die Ausbelichtung auf Film. (Off/online Schnitt, Effekte/Grafikprogramme, Farbkorrektursysteme,...)

• gestalterischen/kreativen Hintergrund: unbedingt Erfahrung im Umgang mit Kamera und Licht, z.B. als Kameramann, Kameraassistent und/oder Beleuchter

• grundlegende elektrotechnische Kenntnisse

• Grundlagen im Umgang mit Computern (z.B. für Datensicherung und Rushes) sollten bekannt sein.

• Kenntnisse über "analoge" Filmproduktion (Negativ/Positiv, Filmkameratechnik; Kopierung,...)
=> auch um als Dolmetscher zwischen der Film- und der Digitalsprache zu agieren

• technisches Verständnis und Interesse an sich ständig ändernden Bedingungen

• Gefühl für Licht- und Farbe

• Kommunikationsfähigkeit im Team

Basierend auf meinem Entwurf für den BVK von 2004, der sich auf die Arbeit mit Videokameras/Camcordern beschränkte, füge ich diese ausführlichere Beschreibung zu Camcorder-Drehs an.

Drehvorbereitung (Camcorder):

Hierbei sollte mindestens(!) ein full HD-Monitor, WFM und Vektorskop vorhanden sein:

• Begleitung und Beratung bei allen Tests

• Zurücksetzen der Kameramenus (bis auf wenige Ausnahmen) Überprüfung aller Kamerafunktionen (Hard- und Software, CCD, Aufnahme etc.)

• Kalibrierung der Monitore

• Erste grobe Testaufnahmen möglich

• Weitere Tests: Objektive (Blende, Back Focus, Randlichtabfall, chromatische Aberrationen, Filter etc.), Peripherie-Technik

• z.B. Shadingkorrekturen; wenn Mehr-Kamera Betrieb: "technisches und kreatives" Matchen der Kameras (OHB file, Matrix, WB-Offsets)

• Einstellung der Kameramenus (Sicherung auf Memory-Stick/SD-Karte, wenn notwendig oder gewünscht) entsprechend:

1.der technischen Anforderungen (u.a. File-Struktur)

2.der Ergebnisse aus Testdrehs (bishin zu Maske, Kostüm,...)

3.der Sichtung der Tests mit Coloristen und DP

4.der gestalterischen Wünsche des DP´s. Hier ist der DIT als technisch-gestalterische Schnittstelle zum Kameramann sehr wichtig. Der letzte Part nämlich, bezüglich sog. "Look"-Entscheidungen aufgrund kreativer Vorstellungen, ist niemals nur eine rein technische Anforderung an den DIT. Je mehr der DIT hier mit einbringen kann, desto mehr kann er dem DP konstruktive Hilfe sein (Auch wenn man den Einfluss nicht überbewerten sollte, so bin ich trotzdem der Meinung, dass das Lesen des Drehbuchs selbstverständlich ist!).

• Feststellen der Empfindlichkeit/ASA und des möglichen Kontrasts der "digitalen Emulsion" (HD trägt als Format den ersten und das Setup in der Kamera den zweiten Teil zur nutzbaren ASA-Zahl bei).
Auch wenn das Zonensystem nur bedingt einsetzbar ist, bleibt diese Angabe als Näherungswert grundsätzlich aber sehr sinnvoll.

• Kamera- und Materialcheck über Digitalprojektion und/oder 35mm Test-Ausbelichtung. Dieser oft vernachlässigte Test ist unbedingt notwendig, wenn “für” Projektion (digital oder 35mm-Print) gedreht wird.

Am Set:

• Back Focus/Auflagemass einrichten und regelmässig überprüfen

• Kalibrierung der Monitore am Set (inkl. Suchermonitor an der Kamera)

• u.U. komplette Verkabelung und Versorgung aller relevanten Geräte (Kamera, Monitore (LUTs?); WFM, viell. auch Hard-Disk-Rekording-Systeme, Hard/Softwarekeyer,...)

• Signal-Test mit Waveformmonitor (wenn vorhanden) mit z.B. Farbbalken und danach auf Basis des Kamera-Setups (Clipping, Blacks, Gamma,...)

• Überwachung der in-camera-Menüs (Software) und der Schalterstellung/Belegung und Peripherie an der Kamera aussen (Hardware).

• Ermittlung und Einstellung der Blende im Hinblick auf technische Parameter, Drehbuch (inhaltlich) und in Bezug auf die jeweiligen Post-Produktionsbedingungen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem DP oder eigenverantwortlich. Je nach Erfahrung des DIT und dem Vertrauen, das zwischen dem DP und dem DIT besteht.

• Alles, was mit dem Bild zu tun hat, sieht der DIT auf dem Produktionsmonitor. Je nach Erfahrung sollte hier neben Farben und Kontrasten z.B. auch ein Auge auf Schärfen gelegt werden. (Eine weitere Chance, die „100%-Ausspiegelung“ bei HD voll auszunutzen.) “digitaler Gatecheck”

• Je nach Produktion, Technik, Set, Post-Produktionsbedingungen, Wünschen des DP, Erfahrung und Vorschlägen des DIT, kann/muß an den einzelnen Takes, Sets, Optiken etc. eine technisch und/oder kreative Anpassung der Kamera an die jeweilige Situation erfolgen. Dies kann über vorher programmierte Setups stattfinden, meist über Veränderung einzelner Parameter in der speziellen Situation.

• u.U. Vorbereitung grösserer Umbauten, Verkabelungen etc.

• u.U. Versorgung des DP/Regie mit HD-Playback (Nicht verwechseln: Der Video Operator ist grundsätzlich völlig von der Tätigkeit des DIT/HD-Supervisors abgetrennt!)

• den Vorbereitungen entsprechend, Unterstützung bei Blue/Greenscreen shots (hier verkürzt und vereinfacht hervorzuheben: Detail-Setting, Matrix-Setup. Procomp-Filter ja/nein, Hard- oder Softwarekeyer (chroma key on set)

• Mehr-Kamera Betrieb: Sicherstellung der Synchronisierung (TC/Genlock) aller Kameras untereinander (ggf. auch mit Ton/cross-over oder direkt),

• In Abstimmung mit 2. Assistenten: Beschriftung, Archivierung und Verantwortung über das gedrehte Material (bespielte Bänder, Hard Disks)

• Behebung technischer Defekte, sofern am Set möglich. Wenn nicht: Weitergabe zur Reparatur. Kontakt zum Service, der die entsprechende Technik repariert. Schnellstmögliche Bereitstellung von passender Ersatztechnik.