Daniel Sippel

Stichwort: progressive/interlaced bzw. Vollbilder/Halbbilder

(Film, HD & PAL/NTSC)

Früher gab es eine einfache Einteilung:
Film war Film, für szenische Produktionen, Dokumentarfilme etc.
Video (Standard Definition: PAL/NTSC) war Fernsehen
Ein Unterschied -neben vielen anderen- war die Wirkung von Bewegungen auf dem jeweiligen Format.
Manche Kameraleute sind heute über die verwendeten Begriffe verwirrt. Grundsätzlich gibt es zwei Funktionsprinzipien:

Der Film hat u.a. durch seine Hell- und Dunkelphase die Zuschauer über Jahrzehnte an einen "Filmlook" gewöhnt. Fast jeder Laie erkennt dies, wenn er es auch nicht benennen kann. ("Filmlook" beinhaltet verschiedenste Parameter. Hier wird ausschliesslich die Bewegungsauflösung behandelt und erklärt.)

Video war an ein in Zeilen aufgeteiltes Bild gebunden.
Jedes Bild (Vollbild) wird in zwei Teile (Halbbilder) unterteilt, die nacheinander entstehen. Vereinfacht beschrieben, werden erst die geraden und danach die ungeraden Zeilen eines belichteten Chips ausgelesen, verarbeitet, aufgezeichnet und wiedergegeben. Die beiden Halbbilder sind ineinander verschachtelt und werden durch die Trägheit unserer Augen (Gehirn) als flickerfreies Ganzes wahrgenommen. Zwei Halbbilder à 1/50sec Belichtung, bringen beim Fernsehen z.B. 25 Bilder/s.
Dies nennt man "interlaced" bzw. Zeilensprungverfahren.
Dies hat zur Folge, dass es praktisch keine Dunkelphase gibt.
Man könnte also sagen, Video zeichnet, bis auf wenige micron-sec, "immer und alles" auf.

Was für das Fernsehen (Aufnahme und Sendung) ein Vorteil darstellte, war ein Nachteil für die Wahrnehmung von szenischen Inhalten (Sehgewohnheiten der Zuschauer).

Die Einführung von HD (HDcam) brachte erstmalig (in Serie gefertigt) eine Veränderung. Eine HDW-F900 z.B. zeichnete 24, 25 und 30 Bilder als sogenannte Vollbilder auf (progressive segmented). Inzwischen bietet fast jede Prosumer-Kamera dieses feature. Zu den Unterschieden (progressive, progressive segmented, frame, cineframe,...) folgt bald eine separate Auflistung und Erklärung gängiger Kameras.

Es sei nur nebenbei erwähnt, dass die Kamera die Bilder immer noch als Halbbilder verarbeitet (daher "25psf": progressive segmented frames). Beide Halbbilder entstehen aber zur selben Zeit. Man könnte es technisch korrekt quasi-Vollbild nennen. Nach 1/50s Belichtung folgt eine Dunkelphase. Diese führt ein elektronischer Shutter durch, der die Arbeit einer mechanischen Flügelblende immitiert. Anmerkung: Auf einen Chip fällt demzufolge immer Licht. Nur FT-Chips wie bei der Viper oder der CMOS-Chip in der D-21 funktionieren in diesem Punkt anders.

Bei 25 B/s (Öffnungswinkel Standard) folgt daraus:
Belichtung 1/50, Dunkelphase 1/50 (Flügelblende und Filmtransport bzw. elektronischer Shutter und Löschen von elektrischer Ladung), Belichtung 1/50 usw...
Hier hat sich Video also in Richtung Film entwickelt und empfindet -technisch betrachtet- einen Fehler, eine Einschränkung bei der Entwicklung von Filmkameras nach. (Dieser Teil des "Filmlook" war damals keine absichtliche Entwicklung, sondern ein mechanischer Zwang bei der Entstehung der Filmaufzeichnung.)

interlaced: nacheinander-Auslesen aller geraden und dann aller ungeraden Zeilen. progressiv: gestrichelte und durchgezogene Linie werden gleichzeitig (wie Negativ) belichtet und genutzt. Verarbeitet werden sie weiterhin in Halbbildern, psf.

Durch die "filmartige Bewegung" und gleichzeitige Erhöhung von Auflösung, kam Video (HD) in die Situation vermehrt bei szenischen Produktionen eingesetzt zu werden, die auch für die "big screen", sprich Kino gedacht waren.

Inzwischen bieten sogar preiswerte Prosumer-Kameras (SD, P2, HDV) die progressive (Vollbild-) Aufzeichnung an. Somit ist dieser Teil des "Filmlooks" unabhängig vom Budget, von Filmdreh oder Videodreh und vom verwendeten Format für alle zugänglich geworden.

Der progressive-Effekt, die Bewegungsauflösung bei heutigen Kameras, wirkt zwar auf die meisten Nutzer etwas anders als beim Film, in Bezug auf die anfangs genannte Verwirrung bei Kameraleuten handelt es sich aber um die selbe Art der Aufnahme wie beim Film. Innerhalb einer Produktionsberatung/Vorbereitung wird man Details, Vor- und Nachteile besprechen. Hier sei nur so viel gesagt: Man entscheide sich frei in Bezug auf die Kreativität, ob man interlaced oder progressive aufnehmen möchte. Nachteile wie geringere Empfindlichkeit oder der Wunsch nach "Filmlook" folgen meist dieser Entscheidung.

Ausser den progressiven Bildgeschwindigkeiten gibt es auch weiterhin die Möglichkeit mit einer HDW-F900 interlaced (wie bei SD  bzw. PAL/NTSC) aufzunehmen. 50i oder 60i sind dann -verkürzt- die Möglichkeiten.
ACHTUNG 1: "interlaced" und "progressive" bezeichnen nur wie wir Bewegungen aufzeichnen, wie sie wirken. Dies hat nichts mit der Auflösung des jeweiligen Formats zu tun. Man kann sowohl mit HD progressive und interlaced aufzeichnen, wie auch mit SD.
ACHTUNG 2: Auch wenn es 50i bzw. 60i heisst und interlaced ist, handelt es sich bei einer HD-Kamera weiterhin um HD (genau: 1080i oder 1080i/50). Oft wird fälschlicherweise behauptet, 50i sei PAL. Die Kamera zeichnet in diesem Fall Bewegungen so auf, wie wir sie vom konventionellen Fernsehen kennen. Sie bleibt aber eine HD-Kamera. Genauso bleibt z.B. ein IMX-Camcorder, der progressiv (25p) aufzeichnet, eine PAL-Kamera (dies könnte man bei interlaced „625i“ nennen).
In beiden Fällen ändert sich nur die Bewegungsauflösung, sonst nichts.
Die Begriffe 50i/60i sind allerdings an PAL und NTSC angelehnt. Eine Produktion für eine reine PAL-Auswertung (die nicht progressive aufgenommen werden soll) würde man verkürzt gesagt auf 50i drehen, da hier die 50 Halbbilder/25 Vollbilder (wie bei PAL) schon angelegt sind, was eine Downconvertierung von HD auf SD vereinfacht.

Und:

  1. Wenn man aus irgendeinem Grund interlaced aufnehmen muss, hat man noch die Möglichkeit im Nachhinein ein progressives Bild, eine filmartige Bewegungsauflösung zu erhalten. Dies geschieht über eine sog. Halbbildverdopplung/Interpolation, die einen Auflösungsverlust mit sich bringt. Ein Test ist vor dem Dreh in der Post-Produktion angebracht. 
  2. Manche Post-Produktion wünscht sich innerhalb einer progressiv-Produktion zusätzlich Material, das 50i/60i gedreht wird, für die Teile, für die Zeitlupen in der Post generiert werden sollen. Ob dies immer in Bezug auf Auflösung der richtige Weg ist, sei dahingestellt. Insgesamt hat sich hier aber eine Menge getan. 50i auf 50p zu rechnen, ist inzwischen mehr als gut möglich. 

    Durch die oben beschriebene "immer-Aufzeichnung" bei "interlaced"/Zeilenspungverfahren, erhält man eine höhere zeitliche Auflösung, da es praktisch keine Dunkelphase gibt. Es liegt sozusagen immer Material vor.

    Zur Erinnerung: Beide Halbbilder bei interlaced/Zeilensprung entstehen nacheinander. Somit ist die räumliche Auflösung dabei eine geringere. Bei schnellen Bewegungen werden Unterschiede zwischen den Halbbildern sogar spürbar groß.

    Das zeitliche "Futter", dieses Mehr an Material, vereinfacht es aber eine Zeitlupe im Computer zu rechnen. Auch hier rate ich zu Tests und zu Konsultationen mit der jeweiligen Post-Produktion.